Erinnerungen
  • Kriegerdenkmal in Laubendorf für die Gefallenen im Ersten Weltkrieg (1914-1918)
  • Hochzeit in Laubendorf am 18. Mai 1937
  • Gedenktafel zur Erinnerung an den sehr verdienten Lehrer Andreas Doleschal
  • Geschichte der Wald- oder Wunderkapelle in Laubendorf
  • Johannes von Nepomuk – Leben und Wirken des Brückenheiligen
  • Kirche in Riegersdorf
  • Friedhöfe und Grabdenkmäler in der Heimat
  • Die Burg Svojanov (Burg Fürstenberg)
  • Deutsches Realgymnasium in Zwittau bis 1945 (erbaut 1897)
  • Tschechisches Realgymnasium in Svitavy / Zwittau
  • Katholikentag im Jahr 1935 in Prag
  • Erinnerungen von Frau Franziska Kreitschi
  • Erinnerungen von Johann Kruschina

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Kriegerdenkmal in Laubendorf
für die Gefallenen im
Ersten Weltkrieg (1914-1918)
Vergleiche hierzu meinen
Beitrag in „Schönhengster Heimat“,
Juli 1994, Seite 38 (unter Laubendorf).

 

 

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Hochzeit in Laubendorf am 18. Mai 1937
 

Das Brautpaar Richard Neudert (Haus-Nr. 67) und Rosi Doleschal (Haus-Nr. 40)

wanderten nach der Hochzeit in die USA aus.

Der Bräutigam lebte bereits seit Jahren in Chikago.

Erst in den Jahren 1958 und 1973 besuchten sie ihre Verwandten in Deutschland.

Richard Neudert starb am 20.12.1999, seine Ehefrau Rosi am 17.05.2000.

 

 

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Gedenktafel zur Erinnerung an den um 

unsere Heimat sehr verdienten Lehrer Andreas  Doleschal an der Außenmauer der Pfarrkirche in Laubendorf neben dem Eingang zur Sakristei.

 Seinen Lebenslauf habe ich in der Schönhengster  Heimat“, November 2000,  Seite 32, veröffentlicht.

 

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Die Geschichte der Wald- oder Wunderkapelle in Laubendorf  

Pfarrer Eduard Valenta (* 2. März 1880 in Gewitsch/Mähren, + 31. März 1953 in Politschka) hat im Jahr 1929 über die Wald- oder Wunderkapelle folgendes niedergeschrieben:

„Links von der Straße, die von Laubendorf nach Goldbrunn führt, unweit vom Hutsteine, steht abseits die Laubendorfer Wald- oder Wunderkapelle auf Riegersdorfer Kataster.

Es waren zwei Schwestern, Theresia Hledik in Politschka und Anna, verehelichte Bidmon in Laubendorf, die sehr fromm waren und stets vor Heiligenbildern, die an Bäumen hingen, auf den Knien lagen, und so kam es, daß ihnen öfters von der Muttergottes und den Heiligen träumte. Anna erzählte ihrer Schwester, es habe ihr geträumt, die seligste Jungfrau und Gottesmutter von Mariazell mit dem Jesukinde sei ihr erschienen und habe ihr aufgetragen, sie solle eine Statue der gebenedeiten Jungfrau meißeln lassen und möge dieselbe in der Nähe des Hutsteines an der stärksten Fichte zur öffentlichen Verehrung aufhängen lassen. Theresia schritt an die Verwirklichung des Traumes, sammelte Geld und erbat sich vom Laubendorfer Pfarrer, dem sie ihr Vorhaben mitteilte, die Erlaubnis hiezu, was er ihr jedoch rund verweigerte, ja sogar verbot. Trotz des Verbotes sammelten beide weiter und kauften hierfür eine hölzerne Figur im Werte von 40 Gulden, die sie in heimlicher Weise im Walde aufhingen, worauf der Pfarrherr die Statue nach Riegersdorf übertragen ließ. Aber die beiden Schwestern gaben sich damit nicht zufrieden und erwirkten beim bischöflichen Konsistorium zu Königgrätz die Bewilligung, eine hölzerne Kapelle errichten zu dürfen, welche 1877 auch an demselben Orte erbaut wurde. Da noch immer reichlich Gelder zur Verfügung gestellt wurden, so ließen die beiden Schwestern die hölzerne Kapelle abbrechen und an deren Stelle eine solche aus Stein um den Betrag von 750 Gulden errichten, welche im Jahre 1888, am Tage des hl. Wenzel, die Weihe erhielt.“  

Den Lebenslauf von Pfarrer Eduard Valenta habe ich in der „Schönhengster Heimat“, März 2001, Seite 52, und eine Ergänzung dazu in der April-Ausgabe 2001, Seite 50, veröffentlicht.
Vergleiche auch die Fußnoten 11, 12 und 13 in dem Beitrag „Die Pfarrherren der Pfarrei St. Georg“ unter „Pfarrkirche“ in dieser Homepage. 

Fortsetzung:

Am 28. September 1888, am Fest des Hl. Wenzel, wurde die feierliche Einweihung der Waldkapelle von Pfarrer Johann Janisch aus Laubendorf vorgenommen. Während dieser Einweihung zerstörte ein Feuer das Anwesen Haus-Nr. 17 des Besitzers Schauer (Ortsname Kristl) in Riegersdorf.

Seit dem Jahr 1727 gehörte Riegersdorf zur Pfarrei Laubendorf.

Die Kapelle steht nahe der Flurgrenze zu Dittersbach. Eigentümer des Grundstücks waren die Eheleute Anton und Anna Friedl (Haus-Nr. 1) in Riegersdorf.
Die „Wunderkapelle“ (mit dem Altarbild „Maria im Rosengarten“) stand früher an einer Waldlichtung, inzwischen ist sie von Hochwald umgeben.

In den Sommermonaten kamen bei schönem Wetter Sonntagnachmittags Gläubige, zumeist aus Laubendorf, Riegersdorf, Dittersbach und Schönbrunn zur Waldkapelle, um hier, umgeben von himmlischer Ruhe, einer feierlichen Marien-Andacht beizuwohnen. Oft betraten Wanderer die Kapelle zu einem kurzen Gebet.
Frau Juliane Schmid (die „Janenin“ aus Laubendorf, Haus-Nr. 13) hat jahrelang die Andachten in der Waldkapelle geleitet und für den Altarschmuck gesorgt. Sie hat sich um die Kapelle sehr verdient gemacht. Am 6. April 1956 ist sie in Adelberg bei Göppingen im Alter von 81 Jahren verstorben. Frau Schmid, geb. Michl, stammte aus Schönbrunn. Ihr Elternhaus war der Michl-Grund mit Mühle; er gehört nun zum Ort Kurau. Mehrere ihrer Geschwister sind um die Jahrhundertwende in die USA ausgewandert. Die Nachkommen dieser Auswanderer besuchten bis 1998 regelmäßig unsere Heimat.

Die Waldkapelle wird jetzt von Gläubigen aus Riegersdorf/Modřec in Stand gehalten.


 

 
Wald- und Wunderkapelle in Laubendorf 

 

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Vergleiche hierzu meinen ausführlichen Beitrag „Johannes von Nepomuk – Leben und Wirken des Brückenheiligen“ in „Schönhengster Jahrbuch 2001“, Seiten 66 bis 69, und den Beitrag in „Schönhengster Jahrbuch 1970“, Seiten 50 bis 53.

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Rückseite der Kirche in Riegersdorf

      

 

 

 

Die Kirche in Riegersdorf
wurde am 26. Mai 1872 
zu Ehren der Allerheiligsten
Dreifaltigkeit eingeweiht.

Das Bild zeigt die Rückseite
der Kirche von der
Ortsstraße aus.

                                                          

 

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Friedhöfe und Grabdenkmäler in der Heimat

Bei den Fahrten in die Heimat führt unser erster Weg stets auf den Friedhof zu den verlassenen Grabstätten unserer Ahnen, denen wir das Leben und die einst blühende Heimat verdanken. Wir gedenken der Verstorbenen in Liebe und im Gebet.
Überall finden wir alte verwitterte Grabsteine und viele gut erhaltene Grabdenkmäler mit deutschen Inschriften und Daten. Diese Grabdenkmäler sind Zeugen deutscher Vergangenheit und bleibende Erinnerung an vorhergehende Generationen.

Vergleiche auch meine Beiträge in der "Schönhengster Heimat", Juni 2003, Seite 7; Januar 2004, Seite 46 und März 2004, Seite 51 (unter Riegersdorf).

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Luftaufnahme von der Burg Svojanov / Fürstenberg

 

Die Burg Svojanov (Burg Fürstenberg)

 

569 73 Svojanov, Tschechische Republik

Tel./Fax 0 04 20 / 461 744 124,

E-Mail: info@svojanov.cz

Internet: www.svojanov.cz (nur in tschechischer Sprache)

 

Zur Burg gehört eine Touristenherberge/Jugendherberge mit insgesamt 50 Übernachtungsmöglichkeiten. Der Speiseraum hat über 40 Plätze, der Konferenzsaal 55 Plätze.

Der Ort Svojanov mit der Burg liegt außerhalb des Schönhengstgaues, bis 1945/46 lag er direkt an der deutsch-tschechischen Sprachgrenze.

Die königliche Burg, früher oft das Ziel von Schulausflügen, gehörte seit 1910 der Stadt Politschka, war danach zwischendurch Jahrzehnte im staatlichen Besitz und wurde nach der „Samtenen Revolution“ – im Jahr 1989 – an die Stadt Politschka zurückgegeben.

Die fast vollständig instandgesetzte Burganlage liegt etwa 22 km südöstlich von Politschka in schöner und reizvoller landschaftlicher Umgebung. Sehenswert sind außer dem Ort Svojanov der Wintersportort Hammergrund, die Kapelle bei Hartmanitz und das herrschaftliche Schloss in der Kleinstadt Bistrau, ferner die Städte Politschka und Zwittau mit ihren schönen Stadtplätzen.

In den Räumen der Burg finden immer wieder Kunstausstellungen und im Sommer auf der Freilichtbühne unter dem Wachturm die unterschiedlichsten Veranstaltungen statt.

 

Vergleiche auch die Beiträge zur Geschichte der Burg Svojanov / Fürstenberg im „Schönhengster Jahrbuch“, 1997, Seiten 84 bis 86, und 2005, Seiten 14/15, sowie 2006, Seite 94.

 

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Realgymnasium in Zwittau (erbaut 1897), nach 1945 als Volksschule genutzt.

Vergleiche hierzu  
die Beiträge „Oberrealschule Zwittau“ und „100 Jahre Realschule Zwittau“ in der „Schönhengster Heimat“, Oktober 1992 , Seite 1, und Dezember 1995, Seite 34, ferner
den Beitrag „Die Realschule in Zwittau“ von Paul Blaschka in der „Schönhengster Heimat“, November 2001, Seite 41, Berichtigung April 2002, Seite 39.

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Tschechisches Realgymnasium in Svitavy / Zwittau

Die Geschichte des 1945 errichteten staatlichen tschechischen Realgymnasiums in Svitavy / Zwittau ist in der Homepage www.gy.svitavy.cz in deutscher Sprache nachzulesen.
Das Gymnasium hat 1964 ein neues Gebäude an der früheren Schützenstraße bezogen, in unmittelbarer Nähe zum Neuen Rathaus.
Am 1. Oktober 2005 wurde das 60-jährige Schuljubiläum gefeiert, zusammen mit deutschen Gästen.

Eine Schulpartnerschaft besteht mit dem Gymnasium in Egeln (Sachsen-Anhalt). Kontakte bestehen mit den Gymnasien in Bad Essen (Niedersachsen) und Plochingen (Baden-Württemberg).

Der Jugendchor Juventus vertritt das Gymnasium stets sehr erfolgreich.

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Katholikentag im Jahr 1935 in Prag

Vom 26. bis 30. Juni 1935 fand der „Erste gesamtstaatliche Katholikentag“ für alle sechs Nationen, die in der CSR lebten, in der Hauptstadt Prag statt. Aus allen Landesteilen, auch von Politschka und Zwittau, fuhren Sonderzüge mit Gläubigen in die Hauptstadt.
Höhepunkte des Katholikentages waren am zweiten Abend ein feierlicher Gottesdienst mit Tedeum im St.-Veits-Dom, am vierten Tag ein abendlicher Gottesdienst auf dem hell erleuchteten Wenzelsplatz und am letzten Tag die festliche Abschlussveranstaltung im Stadion mit etwa 250.000 Gläubigen mit Pontifikalamt und Tedeum.
Der Erzbischof von Prag und Primas von Böhmen, Dr. Karl Kašpar, der päpstliche Legat Kardinal-Erzbischof Jean Verdier aus Paris, Kardinal-Erzbischof Innitzer aus Wien, der polnische Primas, Kardinal Hlond und das gesamte Episkopat der CSR waren vertreten.
Unter den über 150.000 auswärtigen Teilnehmern waren etwa 40 bis 60.000 sudetendeutsche Katholiken.
Für viele Gläubige war es (für damalige Verhältnisse) schon etwas Besonderes, in der Hauptstadt Prag, der Residenzstadt Kaiser Karls IV., mit den vielen Sehenswürdigkeiten (Burg auf dem Hradschin, Karlsbrücke usw.) gewesen zu sein.
Die meisten Erwachsenen waren in Massenquartieren untergebracht. Die Mitglieder der Jugendorganisationen (Pfadfinder usw.) kampierten in einem Zeltlager auf der kleinen Moldauinsel und einem Zeltlager im Baumgarten im Norden von Prag. Verpflegt wurden sie vom tschechischen Militär.
 
Vergleiche auch meinen Beitrag in „Schönhengster Heimat“, Juni 2003, Seite 41.

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Am 13. Juli 1945 gewaltsam vertrieben aus Laubendorf, Kreis Zwittau im Schönhengstgau

Erinnerungen von Franziska Kreitschi, Haus-Nr. 131,  geb. Federsel, Haus-Nr. 101

Seit 1945 hatte ich mir vorgenommen, alles über den Einzug der russischen Armee am 09./10./11. Mai 1945 in meinem Heimatort  Laubendorf, Kreis Zwittau/Mähren, und über die Vertreibung niederzuschreiben.

Ende Januar/Anfang Februar 1945 kamen Flüchtlinge aus  Schlesien auch zu uns nach Laubendorf. Der Grund waren russische Kampftruppen, die aus dem Osten einmarschierten und sich nach Westen vorarbeiteten. Die ersten Flüchtlinge zogen meist weiter gegen Westen, um diesen Truppen zu entgehen. Andere kamen mit Treckern und Pferdegespannen, voll geladen mit Betten, Kleidern und Lebensmitteln.

Ab Ostern 1945 erschienen laufend Flüchtlinge, die nicht mehr weiterziehen konnten, da vom Westen amerikanische Truppen kamen. So hatten sich in unserem Bauernhofanwesen 16 Flüchtlinge mit zwei Kuhgespannen einquartiert. Es waren zwei ältere Männer und drei ältere Frauen mit Kindern aus deren Verwandtschaft sowie ein jüngeres Ehepaar mit einem Kind, die Frau war schwanger. Sie kamen aus Schlesien; Federbetten, Wäsche und Essen brachten sie mit. Das Letztere war jedoch sehr schnell aufgebraucht, sodass sie dann von uns verköstigt wurden.

Wir, dies waren ich mit meiner am 24.8.1940 geborenen Tochter Gertrud, Anna, die Schwester meines Mannes, Poldi, unser Stellungsmädchen, Minna, die Belgierin, mit der sich Hans Winkler (Sohn von Marie, der verstorbenen Schwester meines Mannes) als Soldat befreundet und sie wegen des Krieges zu uns geschickt hatte. Daneben waren noch im Haus Edi, der junge Pole. Er wurde zur Zwangsarbeit auf unserem Bauernhof verpflichtet, nachdem mein Mann Franz im Januar 1944 zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden war.

Unsere Pläne gingen schon dahin, unsere Wagen mit Planen zu bespannen, zu beladen, um ebenfalls zu flüchten, aber wohin? Geschosse hörten wir bereits vom Osten wie vom Westen. Das Protektorat Böhmen-Mähren war umlagert. In den Nachbargemeinden wurden schon öfter abgelegene Gehöfte von Partisanen (tschechischen oder russischen Fallschirmspringern) überfallen und ausgeplündert. Der Volkssturm des Ortes hielt laufend Nachtwachen, indem zwei Männer  beobachtend durch den Ort gingen.

Mein ältester Bruder Johann, am 17.11.1896 geboren, gehörte auch dem Volkssturm an.

Bei einem Streifengang im November 1944 in Schönbrunn ist der Volkssturmmann Karl Schauer (Haus-Nr. 40) von Partisanen (aus einem Flugzeug abgesprungene Tschechen oder Russen) erschossen worden.

In Politschka war deshalb seit Mitte Dezember 1944 eine deutsche Polizeieinheit stationiert.

Mein jüngster Bruder Heinrich, am 26.06.1908 geboren, wurde bereits zu Beginn des Krieges 1939 eingezogen. Er war meistens an der Front in Russland. Seinen letzten Heimaturlaub bekam er zur Geburt seiner einzigen Tochter Erika, dies war der 26. Februar 1941. Im Jahre 1942 erkrankte er an Flecktyphus und kam in ein Lazarett nach Gotha. Seine Frau Stephanie konnte ihn dort besuchen. Sie fand ihn in einem sehr schlechten Gesundheitszustand vor.

Seit 14. März 1943 gilt er als vermisst. Die letzte Nachricht von ihm kam vom Ilmensee bei Petersburg in Russland. Seine Frau wurde benachrichtigt, dass er durch einen Schultersteckschuss verwundet und auf den Hauptverbandsplatz verlegt wurde. Dieses Gebiet wurde später von der russischen Armee eingenommen.

Wer hätte damals gedacht, als Heinrich im Lazarett in Gotha lag, dass wir in der Nähe einmal unsere zweite Heimat aufschlagen würden?

Mein Bruder Franz, der dritte meiner vier Brüder, am 23.01.1904 geboren, war zur deutschen Wehrmacht in das Kampfgebiet nach Frankreich eingezogen worden. Erst 1948 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie, die 1946 nach Düllstadt, Kreis Kitzingen/Bayern, vertriebenworden war, entlassen.

In der Zeit, in der mein Mann Franz eingezogen war, kam an Sonntagen oft mein Bruder Johann zu mir und sagte: „Behandle nur Edi gut, gib ihm auch genug Geld, man weiß nicht, wie noch alles kommt."

Als Beispiel ein großer Bauer: Er hatte russische Kriegsgefangene als Arbeiter in seinem Betrieb. Diese durften nicht weiter in sein Haus gehen als in den Hausflur. Sie mussten auch gesondert von der übrigen Familie essen. Edi wollte einmal diese Russen besuchen. Der Bauer sah dies, packte Edi im Nacken und warf ihn die Treppe hinunter. Das konnte Edi ihm nicht verzeihen. Bereits in der ersten Nacht des Einmarsches des russischen Militärs wurde der Bauer geschlagen. Er konnte entkommen, gravierte seinen Namen in einen Baum seines Waldes und henkte sich daran auf. Nach fünf Wochen wurde er erst gefunden. Seine Tochter erwies den Gefangenen hinter dem Rücken des Vaters Gutes; ihr wurde deshalb nichts getan.

In der ersten Nacht des Einzuges des russischen Militärs aßen sich alle Soldaten, die in unserem Haus einquartiert wurden,  satt. Danach verlangten sie nach Schnaps. Edi sagte zu uns, jetzt könnten wir uns auf manches gefasst machen. Alle Hausbewohner, Schwä­gerin Anna, Minna, die Flüchtlinge aus Schlesien und ich, scharten sich nun um Edi. Dieser ordnete an, dass die älteren Männer in unserer Wohnung bleiben, während die Frauen und Kinder mit zu Anna gehen sollten, die im Altenteil des Hofes wohnte. Mit dieser Frauengruppe ging Edi mit. Er, als unser Beschützer, schlief im Bett, eine Frau schlief auf der Couch, alle anderen auf dem Fußboden. Wir hatten uns kaum zum Schlafen gelegt, als bereits Soldaten in die Wohnung wollten. Sie leuchteten mit einer starken Taschenlampe durch die Fenster und forderten die Frauen auf, hinauszukommen. Wir begannen alle zu zittern und versteckten uns unter den Decken. Mit zunehmender Spannung stand Edi auf, stellte sich ins Scheinwerferlicht und sagte zu den grauhaarigen Frauen, sie sollten sich aufsetzen. Den Soldaten rief er zu: „Ich bin Pole, hier kommt keiner hinein, um die Frauen zu schänden; es sind nur alte Frauen hier. In Haus und Hof bin ich hier gut behandelt worden und ich lasse das nicht zu!" Die Soldaten zogen tatsächlich ab. Poldi, unser Dienstmädchen, war am Abend zu ihrer Tante gegangen, sie wurde dort von Soldaten vergewaltigt und kehrte am Morgen bitterlich weinend zurück.

So kam jeder Tag und jede Nacht mit neuen Schrecken. In mein Schlafzimmer wurde ein Büro für den russischen Haupttross eingerichtet. Dorthin kamen von der Bezirkshauptstadt Brünn Meldungen vom russischen Heer. In unserer Küche wurden Stiefel, Militärkleidung, Stränge, Eimer, Pferdekummete und andere Utensilien gelagert. In der Wohnung von Anna zog der Oberste der Einheit mit Bediensteten ein. Wir schlossen uns in dem Zimmer neben der Küche, wo zwei Betten standen, ein und verriegelten diesen Raum mit zwei Türen. Am nächsten Tag wurden die Schlösser aufgebrochen. Nun nagelten wir Latten an die Türen und stützten Eisenstangen dagegen. Eine Person musste stets im inneren Raum sein, um die Eisenstangen wegzuräumen, falls eine andere Person hineingehen wollte.

Die Flüchtlinge aus Schlesien glaubten, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können und brachen auf. Wir waren nun weniger Personen im Haus und umso mehr auf der Hut, dass wir den Soldaten nicht zum Opfer fielen. Wir bemühten uns, sie nicht zu verärgern. Es gab unter den Soldaten auch höfliche Männer. Diese verbaten es anderen, wenn sie merkten, dass sie uns Frauen etwas antun wollten. Einmal wurde Anna, die sauber machen sollte, in ihre Wohnung eingesperrt. Sie sprang jedoch schnell zum Fenster hinaus. Soldaten hinterließen ihr dafür Kot auf ihrem Küchenbüffet. Insgesamt verhielten sich viele sehr grob und unverschämt, lagen zum Beispiel mit zum Teil entblößtem Geschlechtsteil im Haus herum.

Dass ich auf Drängen meines Vaters während eines Jahres die tschechische Bürgerschule in Politschka besucht hatte, war für mich ein großer Vorteil. Edi sagte zu den Russen, ich wäre eine gebürtige Tschechin, die einen deutschen Mann geheiratet hatte. Es schien so, als respektierten sie mich. Am Abend suchten wir zunehmend Verwandte oder be­kannte Familien zum Schlafen auf. Anna ging zur Lürzfranzin, einer Arbeitskameradin, Minna zu Draschers in der Nachbarschaft, Poldi zu einer Tante, Gerti und ich zur Familie der Schwester meines Mannes, zu Morkesfriedrich. Einmal wurde die Situation noch kritisch. Die Soldaten holten alle unsere Rinder, es blieb nur eine Kuh für Anna und eine Kuh für mich. Edi und Poldi mussten die anderen Kühe als Treiber wegbringen. Ich setzte mich im Stall auf den Futtertrog und weinte, während ich dachte, das müsste mein Mann sehen. Gerti stand neben mir. Auf einmal merkte ich, wie mich je­mand an den Schultern anfasste, ich nahm schnell Gerti in den Arm. Neben mir sah ich den Kommandanten, der bei Anna einquartiert war. Er schob mich vor sich her in die Küche. Mit ganzer Kraft leistete ich Widerstand, während er mich bereits vor die Schlafzimmertür gedrängt hatte. Ich dachte, wenn ich erst einmal in diesem Zimmer bin, habe ich verloren. Gerti bekam ebenfalls Angst und schrie. Da ging plötzlich die Kü­chentür auf und ein russischer Soldat kam herein. Der Kommandant ließ mich sofort los. Nach diesem Vorfall wich er einer Begegnung stets aus, es war ihm offensichtlich pein­lich. Ich aber war dankbar, dass ich in dieser kritischen Situation einen Schutzengel gehabt hatte.

Edi versuchte herauszubekommen, welches der Plan des Kommandanten war, um zu wissen, was dieSoldaten vorhatten, und er warnte uns, wenn er glaubte, dass es sehr ungünstig für uns werden könnte. Wenn nachts Soldaten zu ihm kamen und ihn aufforderten zu sagen, wo wir Frauen wären, verriet er uns nicht. So rissen sie Schlösser ab, schlugen Fenster ein und drohten, Edi zu erschießen. Er konnte sich auf den Dachboden flüchten, wo er sich im Heu versteckte. Er hörte, wie sie berieten, das Haus anzuzünden. Nach diesem Vorfall schwand sein Mut, so dass er sich nicht mehr traute, sich wagemutig für uns einzusetzen. Zwei Tage darauf wurde er von Soldaten mit einem Pferdegespann abgeholt. Er sagte: „Wer weiß, wo sie mich hinbringen." Seither hörte ich nichts mehr von ihm.

Inzwischen bereitete sich der russische Pferdetross zur Abreise vor. Die vielen Pferde, die in unserer Scheune, im Stall standen, und die Wagen, die vor dem Haus waren, wurden startbereit gemacht. An einige der russischen Soldaten waren wir schon fast gewöhnt, weil sie stets freundlich gewesen waren. Wir waren natürlich äußerst erleich­tert, als alle abfuhren, konnten jedoch nicht erkennen bzw. ahnen, was danach folgte.

Nun war kein Mann mehr im Haus. An einem Abend, als es dunkel wurde, erschienen zwei junge Soldaten auf unserem Hof. Sie zielten mit ihren Gewehren auf uns und ich hörte, dass sie etwas von „anzünden" redeten. Wir bekamen große Angst und beteten um Gottes Hilfe. Nach einiger Zeit erschien ein russischer Soldat mongolischer Herkunft, der bei uns stationiert gewesen war und der sich stets freundlich verhalten hatte. Er unterhielt sich mit den beiden jungen Soldaten, und diese verließen den Hof. Uns teilte er mit, dass er nun in Karlsbrunn, in der Nähe, stationiert sei. Er habe dort gehört, dass zwei gefährliche Soldaten in unserem Dorf seien. Er habe sich um uns Sorgen ge­macht und sei deshalb gekommen. Er glaubte, dass wir ohne sein Kommen den nächsten Morgen nicht mehr erlebt hätten. Also doch ein Schutzengel!

Wir begannen nun unsere Wagen, die wir vor dem Einzug des russischen Militärs auseinander genommen und die Teile in den verschiedensten Ecken versteckt hatten, wieder zusammen zu bauen. Den Soldaten war dies nicht gelungen, da sie die passenden Teile nicht aufgespürt hatten. Nachbar Fickerheinrich bot seine Hilfe an. Wir hatten ja noch zwei Kühe und fingen an, Heu zu machen, die Kartoffelfelder zu bearbeiten, Rüben zu hacken, um die Landwirtschaft zu betreiben. Aus Verstecken holten wir unser Korn, kochten es für die Kühe und so hatten wir gute Milch. Daraus entstand Butter, allerdings ohne die Zentrifuge.

Auf Anordnung der tschechischen Behörde (Národní výbor = National-Ausschuss) mussten alle Deutschen eine weiße Armbinde mit einem schwarzen „N“ (Němec = Deutscher) tragen.

Eines Tages kamen eine Kommission von Tschechen und der Kommunistenführer des Dorfes. Sie begutachteten das gesamte Anwesen. Ein junger tschechischer Mann kam zu mir und sagte, dass er mich aus der Schule in Politschka kenne. Ich solle das gekochte Korn verstecken, damit es die anderen von der Kommission nicht sähen. Aller Wahr­scheinlichkeit nach wurden die Höfe schon im Hinblick auf eine Vertreibung ausgewählt.

Tage später mähten wir mit Sensen Rotklee. Es war gefährlich, dies mit Maschinen zu tun, überall auf den Feldern lagen Eisen und Minen. Am 12. Juli 1945 gingen wir um 16 Uhr auf das Feld am Steinbruch, um Rotklee auf die Heureuter zu packen. Wir blieben am Abend länger als sonst. Wenn es kühler wurde, fielen weniger Kleeblättchen ab. Beim Nachhausegehen informierten uns Dorfbewohner, dass in der Schule sehr viel tschechisches Militär einquartiert worden sei. Wir begannen  zu mutmaßen, ob wir un­seren Besitz verlieren würden.

Zu Hause angekommen, setzten sich Anna und ich uns an die Nähmaschinen, um Rucksäcke zu fertigen. Koffer und auch Kleider hatten uns die Russen genommen. Kaum waren wir bei der Näharbeit, schlug es mit Gewehrkolben an die äußere Gartentür. Wir öffneten, und zwei junge tschechische Soldaten verlangten eine Hausdurchsuchung. Sie begründeten dies damit, dass sich SS-Männer bei uns versteckt hielten. Ich musste mit den beiden auf den Boden und in den Keller gehen;danach kamen sie in die Küche und wurden von mir bewirtet. Um l Uhr nachts gingen sie wieder und teil­ten mir dabei mit, dass wir am nächsten Morgen Haus und Dorf verlassen müssten. Ich konnte mich nicht schlafen legen, nahm eine Kerze, um kein Licht anzuzünden, suchte alle Verstecke aus und legte die Gegenstände auf den Küchentisch. Als es draußen grau zu werden be­gann, schlug es schon wieder an das Hoftor. Zwei angetrunkene tsche­chische Soldaten standen davor. „Za hodinu musite ven", sagte einer von ihnen. Ich entgegnete: „Das weiß ich nicht." Der Soldat zielte mit dem Gewehrkolben auf mich. Anna, die auch gekommen war, nahm mich am Arm und mahnte: „Sag ja nichts mehr!"

Vertreibung am 13. Juli 1945

Ein tschechischer Soldat kam mit in die Wohnung. Er sah den gefüllten Küchentisch mit den Dingen, die ich aus den Verstecken geholt hatte. Der Soldat suchte sich davon aus, was ihm gefiel, den Rest durfte ich behalten. Die Rucksäcke hatten wir nicht fertig nä­hen können, so nahm ich einen von den Flüchtlingen liegen gelassenen Sack mit Rie­men, einen Rohrreisekoffer, füllte eine Tasche mit Brot und eine blaue Milchkanne mit Kaffee. Der Soldat blieb so lange beobachtend da, bis ich mit Gerti Haus und Hof verlassen hatte. Er sah alles, was ich anzog und einpackte. Was sich nicht am Körper befand, war nicht sicher zu behalten. So zog ich im Hochsommer mehrere Kleider auf­einander, ein braunes Stoffkleid und ein schwarzes, ein Pepitakleid und darauf einen grauen Wintermantel, dazu schwarze hohe Winterschuhe. Gerti bekam ebenfalls mehre­re Kleider übergezogen. Als ich mit Gerti, Anna und Poldi vor das Tor trat, kam uns Bruder Johann mit seiner Frau Marie und seiner Tochter Ritschi entgegen. So gingen wir zusammen zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin wartete unsere liebe Mutter auf uns, weinte, umarmte uns und sagte, dass sie uns doch lieber nicht geboren hätte, als dass wir so in die Fremde gehen müssten. Meine Mutter mit meiner Schwägerin Rosa und deren beiden Kindern wurden erst im Mai 1946 vertrieben, ebenso wie Schwägerin Anna. Die späteren Vertreibungen verliefen dann bereits geplanter, die Menschen kamen in Auffanglager, wo sie verköstigt werden konnten. Auf dem Weg zur Bahnstation wurden wir immer wieder von Tschechen kontrolliert, und was ihnen gefiel, zum Beispiel Schmuck, wurde weggenommen. Die Bahnreise sollte dann auch nicht wie zunächst angesagt von der Bahnstation Laubendorf abgehen, sondern vom Bahnhof Zwittau. Anna und Poldi, die mitgingen, durften plötzlich wieder nach Hause, bleiben mussten jedoch die Besitzer von Häusern und Höfen. Die Sonne brannte, und alle waren wie im harten Wintern bekleidet, dazu mit Handgepäck und Rucksäcken. Das tsche­chische Militär ging hinter uns. Wer nicht schnell genug laufen konnte, erhielt Gewehr­kolbenstöße. Die Kinder und alte Leute, die liegen zu bleiben drohten, wurden auf Pferdewagen geladen.

Von Laubendorf bis Zwittau waren es 17 km. Der Fußweg dorthin in der Hitze dieses Juli, dick angezogen zusein und mit schwerer Tragelast, wurde zur Unmöglichkeit. So ließ ich den Reisekoffer am Straßenrand stehen. Mir und anderen kam zum Bewusstsein, dass wir durch die Kreisstadt Zwittau einen Kreuzweg gingen, gebückt von der Last der letz­ten Habe, an offenen Fenstern mit Musik und lachenden Gesichtern vorbei. Wir wurden zu einem Sportplatz getrieben, dort übernachteten wir. Am Morgen musste sich jeder lang hinlegen und die Soldaten suchten wieder nach für sie Brauchbarem. Manche Männer mussten ihre Stiefel ausziehen. Danach wurden die Menschen zum Bahnhof ge­trieben in offene Kohlewaggons mit zentimerhohem Kohlenstaub. In einen Waggon wurden 75 Personen und 5 Kinderwagen eingeladen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung Richtung Leitmeritz. Im fahrenden Zug war es trotz der bestehenden Hitze noch er­träglicher als bei stehendem. Unterwegs wurden immer wieder Waggons mit Vertriebenen angehängt.

Am Samstag, 14.7.1945, kamen wir in Tetschen-Bodenbach an. Dort durften wir das erste Mal den Waggon verlassen, um etwas zu trinken zu kaufen. Bis Sonntagabend blieb der Zug stehen, immer mehr Menschentransporte kamen an.

Sonntagabend, es war schon dunkel, fing irgendwo jemand an, um Hilfe zu rufen. Viele begannen mit zu rufen: "Hilfe!" Ein Echo aus dem gebirgigen Gelände kam zurück. Unser Zug war von fremden Männern überfallen und beraubt worden. Es begann eine Schießerei, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir wussten nicht, wohin es ging. Beim Morgengrauen war klar, dass wir in Deutschland und der völlig ausge­bombten Stadt Dresden waren. Kein grünes Blatt war zu sehen, alles mit Kalk bestreut; der Zug fuhr weiter über Riesa. An Felsen am Flussufer der Elbe sahen wir aufgeblähte tote Körper, die angeschwemmt waren. In Aussig waren nach Berichten hunderte Per­sonen, Frauen und Kinder, in die Elbe getrieben worden.

Am Bahnhof von Riesa angelangt, sahen wir nichts als russische Soldaten, und uns kam der Verdacht, dass wir nach Russland transportiert werden sollten. Zum Glück war es nicht so. Der Zug fuhr weiter nach Falkenberg/Elster. Die Mütter von Kleinkindern waren in großer Sorge, wie sie ihre Säuglinge ernähren sollten. Sie selbst hatten nichts zu essen, und so konnten sie auch ihre Kinder nicht mehr stillen. Die Säuglinge schrieen solange, bis sie einschliefen, manche starben vor Hunger.

Am Abend fuhr der Zug von Falkenberg ab, die Lokomotive ließ die Waggons irgendwo auf freier Strecke stehen und fuhr allein weiter. Ein Gewitter zog auf, es regnete auf uns im offenen Waggon. Wir krabbelten heraus und krochen zum Schutz unter den Waggon was allerdings kein Vorteil war; statt farblosem Regen kam nun schwarze Kohlenbrühe über uns. Am Morgen erschien die Lokomotive wieder und fuhr zurück nach Falken­berg. Die Menschen begannen aus Hunger zu betteln. Keiner kümmerte sich darum. Fal­kenberg war ein Eisenbahnknotenpunkt und vollkommen bombardiert. Die dortigen Einwohner wirkten sehr verschreckt. Nachdem eine Versorgung der Menschen aus­sichtslos erschien, fuhr der Zug nach Riesa und wieder zurück. Die Zugstrecke weiter war unterbrochen. Wir setzten uns auf unser Gepäck zum Schlafen, nachdem an diesem Abend keine Aussicht auf eine Änderung der Situation war.

Einige der Männer aus Laubendorf (u.a. Neuderthannes) berieten, dass wir nicht länger in Kohlenwaggons bleiben konnten. Sie gingen los, um die Gegend zu erkunden und entdeckten in der Nähe von Falkenberg im Wald ein RAD-Lager. Dorthin gingen die Fa­milie von Bruder Johann, andere Laubendorfer und ich mit Gerti. Wenigstens hatten wir ein Dach über dem Kopf. Toiletten und Waschbecken waren verstopft, doch das Notwendige konnten wir im Wald verrichten. In dem Gebäude gab es Fächergestelle über­einander zum Schlafen, die wir in Beschlag nahmen. Ungeziefer, Läuse oder Wanzen, quälten uns. Niemand war da, der sich um unser Überleben kümmerte, wir mussten dies schon selbst tun durch betteln oder stehlen. Zur Abholung bereitgestellte Milchkannen mit Magermilch wurden angezapft und nach Kartoffelfeldern Ausschau gehalten. So wurden die im Mai gepflanzten Kartoffeln bereits in der Blüte wieder ausgebuddelt. Wir suchten Reisig und kochten im Wald auf Steinen und Ziegeln, wir fanden auch Blech. In Konservenbüchsen und mit Kräutern konnten wir Tee kochen und abgekochtes Wasser trinken. In den umliegenden Ortschaften bettelten wir bei Bauern, bekamen jedoch nur selten etwas. Eine Bäuerin versprach mir Milch für Gerti am nächsten Tag. Am Morgen lief ich die 3 km dorthin. Ich konnte keinen Menschen auf dem Bauernhof erreichen. Nur ein großer Hund stand hinter der Tür, scharf bellend. So musste ich ohne Milch wieder den Rückweg antreten. Ein anderes mal ging ich mit einer anderen Vertriebenen zu einem Bauernhof betteln. Die Bäuerin sagte ebenfalls, dass wir am nächsten Tag wieder vor­sprechen sollten. Die andere Vertriebene konnte ich nicht finden, so dass ich allein ging. Die Bäuerin überraschte mich mit ihrer Nachricht, dass die andere Frau bereits dort ge­wesen sei und sie ihr auch etwas Essbares für mich mitgegeben habe. So sorgte jeder für sich, um zu überleben. Ich habe der anderen Frau verziehen, weil sie für zwei Kinder zu sorgen hatte. Von Seiten der dortigen Einwohner war die Flüchtlingswelle, die über Nacht auf sie hereingebrochen war, auch äußerst schwierig zu verkraften. Wenn zehn Bettlern et­was gegeben wurde, so rückten noch hunderte nach. Wir gingen Ähren lesen, ohne einen Sack zu haben. In der einzigen Tasche wurden die Ähren mit dem Stock aus-geschlagen, dann auf einem Blech ausgeblasen, um ein bisschen Mehl für Suppe zu erhalten.

So hatte ich einmal ungefähr ½ kg Körner zusammen und ging damit in eine Mühle. Der Müller hörte mich an und ging wieder an seine Arbeit. Ich stand da, während andere Leute kamen und abgefertigt wieder gingen. Ich dachte, dass dem Müller meine Körner zu wenig wären, um sie in Mehl zu tauschen. So ging ich ganz bedrückt weg. Aber der Müller kam mir nach und rief mich zurück. Er sagte zu mir: „Ich wollte Ihnen doch mehr Mehl geben, als die Körner hergeben, das konnte ich jedoch nicht vor den anderen Leu­ten!" und gab mir einen Beutel voll. Das hat mich sehr gerührt.

Einmal ging ich mit meinem Bruder Johann, um vielleicht irgendwo eine Arbeit zu finden und nicht betteln zu müssen. Wir sahen in einer Scheune zwei Kornfuhren stehen. Ein junger Mann schickte sich an mit den Pferden fort zu fahren. Wir fragten ihn, ob wir helfen könnten und er entgegnete: „Ja, wenn Sie die Fuhren abladen wollen, können Sie sich die Körner, die unter dem Wagen sind, nehmen." So gabelte Johann die Garben und ich stapelte sie. Als wir damit fertig waren fingen wir an, die Körner zu­sammenzukehren und in unsere Tasche zu tun. Da kam eine andere Fuhre, wahrschein­lich mit dem Bauern. Er sah wie wir die Körner zusammenkehrten, fing an zu schreien ohne auf das zu hören, was wir sagten, und trieb uns mit der Peitsche vom Hof. Solche Erniedrigungen mussten wir über uns ergehen lassen.

Vier Wochen lebten wir so vom Betteln und von Kartoffeln, die wir vom Feld holten. Das Letztere wurde jedoch auch immer schwieriger, weil die Bauern verständlicherweise Nachtwachen in die Kartoffelfelder schickten, nachdem die ganzen Felder durch­wühlt wurden. An einem Tag ging ich schon morgens sehr früh durch einen Wald und kam an ein Kartoffelfeld. Dort fing ich an Kartoffeln auszubuddeln. Plötzlich sprang ein Mann aus dem Feld auf. Ich lief unter Schrecken, so schnell ich konnte, zurück und stürzte dabei über einen Baumstumpf. Seither dachte ich, es ist besser zu verhungern als so weiter zu leben. Danach war ich sehr verzweifelt, und Selbstmordgedanken stiegen auf, wenn ich die Bahnschienen betrachtete.

Bruder Johann traf beim Kirchgang einen Leitmeritzer, der im Dorf Dautzschen wohnte und seine Angehörigen suchte. Im Gespräch erfuhr mein Bruder, dass es in Dautzschen keinen Schuhmacher gab, und dies war sein Beruf. Johann ging von Falkenberg über Torgau nach Dautzschen, drei Tage Fußmarsch hin, drei Tage zurück. Er brachte die Nachricht vom dortigen Bürgermeister, dass er als Schuhmacher mit seiner Familie Schwester und Kind hinziehen könne. Vom Stellmacher ließen wir uns zwei Karren fertigen: Die Räder waren Scheiben, von einem Baumstamm geschnitten und ein Eisenstab durchgesteckt. Eine Person musste vorn ziehen, eine andere schieben. Gerti wurde darauf gesetzt mit unserem Hab und Gut und den Dingen, die wir im Wald vom Militär aufgelesen hatten.

Zweimal übernachteten wir in Dörfern, erhielten sogar gekochte Pellkartoffeln und But­termilch. Einmal konnten wir in einem Schweinestall übernachten in dem Stroh, in welchem eine Sau mit Ferkeln ihr zuhause hatten. Wir hatten aber die Hoffnung, in Dautzschen in ein Zimmer einziehen zu können. Der Ort liegt etwa 10 km nördlich von Torgau.

Einzug in Dautzschen

In Dautzschen angekommen, wurden wir mit unserer Habe auf einem armseligen Karren sehr skeptisch von der Hauswirtin gemustert. Wir baten um etwas Heu, damit wir un­ser Schlaflager in dem Zimmer aufschlagen konnten. Eine Nacht auf Heu hatten wir fünf Personen in dem 12 qm großen Zimmer nun ver­bracht. Eine ganz dunkle, verwohnte Tapete befand sich darin. In die Türen waren rattengroße Löcher gefressen. Die Fenster waren so schlecht, dass man überall an den Rahmen hindurchse­hen konnte; aber wir hatten ein Dach über dem Kopf. Am nächsten Tag erkundigte ich mich als Erstes, wo ein Arzt zu erreichen war. Noch am selben Tag ging ich nach Prettin zu einem Dr. Weber, damit er zur Untersuchung zu Gerti kam, die starke Durchfälle hatte. Sieben Kilometer war Prettin von Dautzschen entfernt, noch am selben Tag kam der Arzt mit dem Fahrrad. Nach der Untersuchung sagte er zu mir: „Mit Ihrem Kind sieht es schlecht aus; ich habe nicht viele Medikamente, aber was ich für sie tun kann, mache ich." Seitdem kam er jeden Tag, bis sich eine Besserung der festgestellten Ruhr ein­stellte. Dann riet er mir, dafür zu sorgen, dass sie ausreichend mit Milch und Brot ernährt würde. So ging ich von einem Bauern zum anderen, um Milch zu kaufen. Bauer Teilmann sagte: „Wenn Sie mir 14 Stück Vieh füttern, melken und misten, können Sie abends 11/2 Liter Milch bekommen." Das Angebot nahm ich an. Meine Nichte Ritschi stellte er für die Jungrinder und Schweine ein.

So gingen Ritschi und ich täglich unserer Arbeit nach. Jeden Morgen nach dem Füttern bekam ich Frühstück. Danach zogen wir aufs Feld. Mittagessen gab es keines. Ich nahm mir Möhren und Zuckerrüben vom Feld mit nach Hause, die wir aßen.

Gerti erholte sich gut, sie bekam nun Vollmilch und das ihr und mir zugeteilte Brot. Zuge­teilt wurden, glaube ich, ein Kilogramm pro Woche und Person. Nach vier Wochen war Gerti wieder gesund. Ich hingegen wurde immer weniger, ging krumm, meine Augen lagen tief. Ich hatte keine Kraft mehr, den Mist auf den Misthaufen zu schieben; ich konnte einfach nicht mehr.

So ging ich wieder nach Prettin zu Dr. Weber. Dieser sagte mir, dass ich die bisherige Arbeit nicht mehr tun könne und zunächst zu Kräften kommen müsse. Dies teilte ich Bauer Teilmann mit und bat für meine geleistete Arbeit um ein Huhn oder um Lebens­mittel. Herr Teilmann überlegte, er würde ein Kalb schlachten und mir davon etwas bringen. Seine Zusage hielt er allerdings nicht. Im Laufe der Zeit kam ich mit einer Bäuerin, Frau Winter, ins Gespräch: Ihr konnte ich melken helfen. Dafür gab sie mir Milch.

Zunächst war ich jedoch aufgrund meiner geschwächten Gesundheit arbeitslos. Vom Gutshof holte ich mir unverzogene Zuckerrübenschwänze, kochte und aß sie bis ich Magenkrämpfe bekam. Der Zuckerrübensaft wurde als Sirup eingekocht.

Auf einem Gut, dessen Besitzer vom russischen Militär vertrieben worden war, wurde eine Einheit der Roten Armee einquartiert. Diese suchte Frauen zum Kartoffelschälen. So schloss ich mich anderen Frauen an und schälte Kartoffeln. Mittags gab es eine Schüssel Kartoffeln, das war schon ermutigend. Ich sah, dass die Soldaten angebissenes Brot auf dem Tisch liegen ließen und nahm mir am nächsten Tag eine Tasche davon mit, was sich täglich wiederholte. Das Brot trocknete ich zu Hause auf dem kleinen Eisenofen und hatte et­was zum Knabbern und zum Suppe kochen, und das ohne Ekel. In Gedanken wünschte ich mir einen Laib Brot, den ich halb aufessen würde. Hunger tut eben weh. Nach einigen Tagen des Brotknabberns merkte ich, dass ich kräftiger wurde und tat dies wei­terhin. Wir wurden auch zum Säubern der Zimmer eingesetzt, und die russischen Solda­ten unterhielten sich mit uns. Einer fragte, ob ich Wäsche für ihn waschen könnte. Ich antwortete, dass ich dazu bei meiner mangelnden Ernährung keine Kraft habe, dazu keine Waschwanne, kein Waschbrett, keinen Waschkessel und kein Brennmaterial. Der Soldat antwortete: „Wenn du Wäsche waschen, ich dir alles bringen." Als ich nach diesem Gespräch nach Hause kam, stand ein Pferdewagen voll gespaltenem Holz auf dem Hof, in einem Gerstenspreusack lag ein ganzer Pferdeschenkel, auf dem Fußboden ein Klammerbeutel voll Kernseife und ca. 130 Stück Hemden, Hosen und Handtücher waren da: Mit dieser Wäsche waren jedoch auch gewichste Schuhe und Stiefel geputzt worden. Der Soldat, der die Sachen mit dem Wagen gebracht halt, forderte mich auf, mit ihm zu kommen, um noch Wanne und Waschbrett zu holen. Er hatte vor, mit mir in ir­gendein Haus zu gehen und ich sollte dort einfach das Notwendige den Besitzern wegnehmen. Das tat ich natürlich nicht, sondern bat meine Arbeitskollegin, Frau Karius, mir ihre Wanne und ihr Waschbrett zu borgen, was sie auch tat. Frau Karius war eine der nettesten Frauen, die ich in Dautzschen kennen lernte. Jetzt brauchte ich noch einen Waschkessel. Dazu bat ich unsere Wohnungsvermieterin den Kupferkessel in der Waschküche benützen zu dürfen. Sie schrie mich an, was ich mir vorstelle, ihren Kessel für Russenwäsche bereit zu stellen; dies käme auf keinen Fall in Frage. In dieser Waschküche stand noch ein Kartoffeldämpfer. Ohne nochmals zu fragen, säuberte ich mir diesen Topf und begann damit die Wäsche einzuweichen und später mit Seife zu waschen. Hätte mir die Vermieterin diesen Topf weggenommen, hätte ich mich an den Soldaten gewandt. Ein großes Problem war nun, die gewaschene Wäsche zu trocknen. Es war inzwischen Oktober und häufig nebeliges Wetter. So befestigte ich Bindfäden in unserem Wohnraum und trocknete darauf die Wäsche.

Durch meine neue Arbeit war die Zeit des Hungerns vorbei. Ich hatte zunächst einen ganzen Pferdeschenkel; er war ganz gelb von Fett.

Der russische Soldat sah bei seinem Besuch, dass mein Bruder Schuhmacher war. Bruder Johann hatte sich bei der Austreibung dank seiner Erfahrung aus dem l. Weltkrieg statt Wäsche und Kleidung nur mit Zubehör für sein Handwerk eingedeckt. Sein ganzer Rucksack war prall gefüllt mit Handwerkszeug und Material für die Schuhmacherei. So begann er, Schuhe zu reparieren, solange sein mitgebrachtes Material reichte. Der russische Soldat sagte meinem Bruder, dass er ihm Arbeit bringen werde. Als erstes brachte er ihm auch in einem Gerstenspreusack eine ganze Pferderippe, ein Brot und ein paar Säcke mit Schuhen und Stiefeln zur Reparatur.

Kunden brachten ihm einmal aus einem geplündertem Tabakladen Tabak. Mit diesem ging Johann nach Torgau, die Stadt war 18 km entfernt, in ein Ledergeschäft. Mit dem Tabak konnte er Lederreste kaufen. Weiter besorgte er mit dem Tabak bei einem Alt­warenhändler verrostete Messer und Kochtöpfe. Schwer bepackt musste er die 18 km Rückweg antreten. Johann war damals gesundheitlich nicht in der Lage, solche Strapa­zen öfter auf sich zu nehmen. So ging ich manchmal mit Schwägerin Marie auf dem Elbdamm  nach Torgau, nachdem es nur Lebensmittel im Dorf gab. Einmal, als wir in die Elbebene kamen, grasten dort Pferde. Plötzlich sprangen russische Soldaten auf einige Pferde und umkreisten uns. Wir hatten große Angst, sie behinderten uns jedoch nicht am Weitergehen. Ein anderes mal hatten Marie und ich beim Altwarenhändler mit dem Tabak viel eingekauft. Auf dem Heimweg mussten wir an der Elbbrücke, die im Krieg gesprengt worden war, lange warten. Die Ersatzbrücke musste immer, wenn Schiffe auf der Elbe fuhren, eingefahren werden. Es wurde schon dunkel, und die Ersatz­brücke war immer noch nicht begeh- bzw. befahrbar. Inzwischen warteten auch bereits viele Pferdewagen mit russischem Militär. Wie sollten wir im Dunkeln nach Hause kommen? Was blieb uns übrig, als die Soldaten zu fragen, ob sie bereit waren uns auf einem Wagen mitzunehmen. Als wir dann durch die Felder fuhren, gab mir der Soldat die Pferdezügel in die Hand und ging mit seinem Gewehr jagen. Andere Wagen holten uns ein und blieben neben uns stehen. Marie hatte sich voller Angst auf den Wagen­boden gelegt. Zum Glück kamen wir unversehrt nach Dautzschen.

Es wurde Dezember 1945 und Weihnachten. Wir hatten weder Plätzchen noch Kuchen, wobei ich besonders an Gerti dachte, die auch nichts zum Spielen bekam. Da klopfte es plötzlich an der Tür: Frau Karius trat ein mit einem kleinen Spielköfferchen von ihrer Tochter, in dem sich ein Hemdchen befand, zwei gekochte Eier und zwei Äpfel. Für uns war Frau Karius in diesem Moment wie ein von Gott gesandter Engel.

Der Winter 1945/46 war sehr kalt. Wir holten uns aus dem Wald Holz, jedoch jeweils nur so viel, wie wir tragen konnten. Die Fenster in unserem Wohnraum waren sehr kälte­durchlässig, zudem hatten wir keine Federbetten. Wir deckten uns mit allem Stofflichem zu, das wir besaßen. Johann erhielt später bei einer Weihnachtsfeier eine Decke. Gerti und ich hatten aber keine, sodass ich mir eine starke Blasenentzündung zuzog. Als ich dies Frau Karius erzählte, ging sie zu einem kinderlosen Ehepaar, das ihr ein Federbett für uns gab.

Im Frühling 1946 ließ ich mir von Johanns Tabak eine Kippe (Korb, der auf dem Rücken getragen wird) aus geflochtenen Ruten fertigen. Der Korb drückte zwar sehr auf dem Rücken, aber er war eine Möglichkeit, bei Feldarbeiten etwas mehr zu sammeln. Ich arbeitete bei einem früheren Gutsbesitzer, der bei seinem Bruder nach der Flucht aus seiner Heimat Unterkunft gefunden hatte. Mit seinem eigenen Traktor arbeitete er im Gemüseanbau des Bruders. Er war ein guter Mann, der mich auch schätzte, und dies war erstmals wieder ein gutes Gefühl, als Person anerkannt zu sein. Er baute im Frühjahr Kohlrabi und Möhren mit Zwischenfrüchten für den Marktverkauf an, danach Gurken und Kürbisse für Marmeladenfabriken und Sämereien. Beim Hacken und Jäten wurde großer Wert auf gute Arbeit gelegt, und dies war mir als ehemals selbständige Bäuerin sehr vertraut.

Von den Gemüseabfällen wurden unsere inzwischen angeschafften Kanin­chen gefüttert. Gab es keine Arbeit bei dem Gemüsebauern, arbeitete ich auf dem Bau­ernhof Winter. Der Bauer war seit dem Krieg vermisst, Frau Winter lebte mit ihren zwei Kindern auf dem Hof und betrieb ihn. Ich arbeitete auf dem Hof beim Fuhrenaufladen, binden von Stroh zum Dreschen und was sonst noch anfiel.

Einmal habe ich mir Karten legen lassen. Von Franz hatte ich seit der Vertreibung ja nichts mehr gehört, und so bestand eine große Unsicherheit: Lebte er? Die Aussage der Kartenlegerin war: „Ihr Mann hat den Krieg überstanden, er untersteht einer Hoheit. Er möchte sich gern melden, aber er weiß nicht wie.“

Aus der Bäckerfamilie in Dautzschen war ein Sohn in italienischer Kriegsgefangenschaft. Der schrieb an seine Eltern, und diese berichteten mir davon. Sie waren einverstanden, dass ich ihrem Brief an den Sohn eine Anfrage von mir beilegte, ob er sich nach meinem Mann erkundigen könnte. Er antwortete mir, dass er herausgefunden hatte, in welchem  Lager Franz gewesen war, dass er jedoch schon entlassen wurde. Dies war ein Hoffnungsschimmer, und ich war dem Schreiber unheimlich dankbar für diese Nachricht.

Unsere Reise in den Westen

Mein Mann wurde am 18.02.1946 aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager in Darmstadt entlassen. Sein Ziel war es, in die Nähe der Grenze zu Ostdeutschland zu kommen. Er hatte keinerlei Kenntnis über den Verbleib seiner Familie. So wurde er zufällig in der kleinen Stadt Wanfried, Kreis Eschwege/Hessen, ansässig. Von dort schrieb er an den Münchener Suchdienst. Dasselbe tat auch ich. Anfang September 1946 kam von dort ein Brief mit der Mitteilung, dass Franz Kreitschi seine Frau und seine Tochter suche. Daraufhin bekamen wir die Zuzugsgenehmigung nach Wanfried, welche Erleichterung. Ich durfte einen Zentner an Gepäck mitnehmen. Die Fahrt mit dem Zug dorthin war nicht einfach. Die Lade (Kiste aus Holz), die ich mir für mein Gepäck machen ließ, wog schon allerhand, so dass ich nur wenig Lebensmittel mitnehmen konnte. Die Kiste wurde in einem Gepäckwagen befördert. Unsere Lebensmittelkarten musste ich bei meiner Ausreise in Dautzschen abgeben. Wir kamen mit dem Zug nach Eisenach, der Grenzstation nach Westdeutschland. Dort dauerte es eine Woche bis mein Gepäck eintraf. Nur in der Nacht nach der Ankunft in Eisenach durften wir in einem Lager übernachten, an den übrigen Tagen nur in den Warteräumen im Bahnhof, und das ohne Geld und Nahrung bzw. warme Getränke für Gerti. In dieser Zeit war ich sehr verzweifelt. Einmal gab ein Heimkehrer aus Russland Gerti seine Suppe. Am letzten Tag erhielten wir die Zusage für ein Zimmer in einer Gastwirtschaft, doch da kam das Gepäck.

Die Weiterfahrt über die Grenze nach Wanfried war hoffnungsvoll, erwarteten wir doch, dass Franz uns am Bahnhof in Wanfried abholen würde. Es war aber niemand am Bahnhof. Franz hatte uns am Bahnhof in Bebra, 50 km von Wanfried entfernt, erwartet. Enttäuscht suchte ich in Wanfried nach der von meinem Mann angegebenen Adresse. Die von mir Gefragten kannten diese Adresse nicht, bis uns eine Familie Wetzestein zum Übernachten einlud. Inzwischen war auch Franz angekommen, und wir waren glücklich, als Familie vereint zu sein. Wir bekamen in der „Hessenschänke“ ein 12-Quadratmeter-Zimmer zugewiesen. Ein Ehebett, ein Kinderbett und ein Schrank passten hinein. Auf einem Eisenofen  konnten wir kochen. Die Leute in unserer Umgebung waren nett zu uns, und wir fühlten uns wohl, zusammen zu sein.

Das nächste Thema wurde schnell wieder die Ernährung. Wir erhielten Lebensmittelkarten. Franz brachte manches Mal von seiner Arbeitsstelle, dem Gutshof Gebhard, gekochte Schweinekartoffeln mit. Den dort erhaltenen Sonntagskuchen teilte er mit uns. Es kam Weihnachten 1946. Gerti hatte schon lange den  Wunsch, eine Puppe zu besitzen. Um eine solche zu bekommen, musste man zumindest Stoff als Gegenwert geben, den wir nicht hatten. Ich schrieb deshalb an meine Mutter, die 1946 mit der Ehefrau ihres Sohnes Franz, und deren beiden Kindern Franz und Hans nach Düllstadt, Kreis Kitzingen/Unterfranken, ausgesiedelt wurde. Mutter schickte mir ein Kopftuch, und damit bekam ich eine Puppe, mit Sägespänen gefüllt und mit einem Kopf aus Pappe, die Gertis Augen strahlen ließen.

Es war ein Gottessegen, dass Franz lebte und wir ihn gefunden hatten. Nach den Weihnachtsfeiertagen 1946 fuhr ich zu Mutter nach Düllstadt. Als ich sie begrüßte, bekam sie vor Freude Durchfall. Sie kochte Zuckerrüben zu Sirup. Ich aß die Zuckerrübenschnitzel, um meinen Hunger nicht nur mit Brot zu stillen. Meiner Mutter fiel dies auf mit den Worten: „Du musst schon sehr viel Hunger gelitten haben“.

Wanfried, im Oktober 1979 (über 34 Jahre nach der Vertreibung)                             

Franziska Kreitschi, geb. Federsel, * 18.05.1913, + --.07.1991,

verheiratet seit 16.10.1934 mit Franz Kreitschi, * 07.06.1906, + 04.09.1999

Anmerkung:

Den von Frau Franziska Kreitschi im Oktober 1979 verfassten Bericht haben wir mit Zustimmung ihrer Tochter Gertrud im November 2009 an einigen Stellen berichtigt, verbessert und um zwei kurze Absätze ergänzt.

Johann Neudert / Hans Prull
 


Gedanken und Erinnerungen an unsere 60-jährige Ehe von Johann Kruschina,
Laubendorf Nr. 210

Man schrieb das Jahr 1930, und ich suchte eine Lehrstelle. Nach längerem Suchen und vielen Enttäuschungen bekam ich doch noch eine Lehrstelle als Maurerlehrling bei einem tschechischen Baumeister in Politschka und verdiente nun mein eigenes Geld: 1,60 Kronen die Stunde. Großvater borgte mir zum Fahrradkauf das Geld, das ich nach und nach zurückzahlen musste.
Die erste Baustelle war ein abgebrannter Bauernhof in Deutsch Bielau 1) ungefähr 20 bis 25 km weit weg. Ich packte also am ersten Tag einen Laib Brot und ein Stückchen Speck in meinen Rucksack und fuhr zu meinem ersten Arbeitseinsatz. Was ich da alles erlebte, will ich lieber nicht erzählen: Blutige Finger und viel Durst. Und ich musste als jüngster Lehrling allen zur Verfügung stehen und nachts bei offenen Scheunentoren im Stroh schlafen, und die Krautsuppe fehlte mir früh am meisten.
Nach dieser Baustelle ging es wieder zurück nach Politschka, und ich konnte wieder alle Tage nach Hause fahren.
Inzwischen hatte ich meine Liebe zur Musik aufgenommen, aber das Geigenspiel machte mir große Sorgen, denn durch die offenen Finger hatte ich oft Schmerzen, und ich verlegte mich auf Trompete, Posaune und Tenorhorn.
Schon recht bald durfte ich bei der Laubendorfer Musikkapelle spielen, was mir sehr viel Spaß machte. So kam es, dass ich bei Veranstaltungen und Tanzabenden mitspielen durfte und das Treiben beobachten konnte.
So erblickte ich auch meine heutige Frau Anna beim Tanzen. Von da an beobachtete ich sie immer mehr, und sie entwickelte sich auch immer mehr zu einem schönen Mädchen und einer Dame.
Nachdem mein Großvater 1934 nach einer Lungenentzündung gestorben war und mein Vater 1917 in Italien schwer verwundet und vermisst war, musste ich immer mehr Verantwortung übernehmen.
Als meine Mutter im Sommer 1934 den Acker kaufte, den Großvater und Mutter schon immer gepachtet hatten, war es mein Stolz, Mutter beim Abzahlen zu helfen. Dann hatten wir uns zwei schöne rote Kühe zugelegt, auf die ich sehr stolz war.
Im Frühjahr 1936 musste ich zur Musterung und wurde auch prompt genommen.
Die blinde Großmutter, deren Brustkrebs sich zusehends verschlechtert hatte, machte mir große Sorge, wie Mutter das alleine bewältigen sollte: Großmutter pflegen und die kleine Landwirtschaft erhalten.
Kurz vor der Einberufung zum tschechischen Militär am 1. Oktober 1936 verstarb meine Großmutter, so dass eine große Sorge weniger war.
In den folgenden zwei Jahren war die Liebe zu Anna auf Sparflamme, und erst als die  deutschen Truppen im Sudetenland einmarschiert waren, mussten uns die Tschechen entlassen, und ich konnte am Kirchweihsamstag (23. Oktober 1938) meine Anna wieder in die Arme nehmen.
Doch meine Freude dauerte nicht lange, und nach einigen Wochen musste ich zum Zoll, um die Protektoratsgrenze zu sichern. Hie und da gelang es mir, Anna einen Besuch beim Schleser-Bauern 2) zu machen.
Allmählich wurden wir ein Paar und dachten insgeheim ans Heiraten.
Bei der Nacht machten wir noch Dienst an der Grenze 3) und bei Tag war ich halbtags zu Hause und machte Feldarbeit; dabei hörte ich den Artilleriedonner vom Polenfeldzug.
Das Jahr 1940 kam näher, und unser altes Haus war im Norden baufällig geworden, und die Mauer drohte einzustürzen.
So beschlossen wir zu heiraten; der Termin fiel auf den 1. Februar 1940.
Die St.-Georgs-Kirche 4) war festlich geschmückt, und wir gingen festen Schrittes zum Altar. Der alte Herr Stiehl, der mir auch das Geigenspiel gelehrt hatte und mich im Chor an den Festtagen mitspielen ließ, hatte es sehr festlich gemacht, und nun mussten wir noch zum Fotografieren nach Zwittau 5)  fahren – ungefähr 17 km bei viel Schnee.
Inzwischen hatte die Köchin wahre Kochkünste vollbracht, so dass es, als wir heimkamen, recht gut schmeckte.
Bloß mit der Hochzeitsnacht ging es schief, da nicht genügend Schlafgelegenheit vorhanden war.
Nun waren wir also Mann und Frau, und der Alltag war wieder eingekehrt. Wir machten uns Gedanken übers Bauen und trafen Vorbereitungen. Onkel Josef war uns die wichtigste Stütze, und als am 4. Juni 1940 meine Einberufung erfolgte, musste er die gesamte Verantwortung übernehmen und auch die Arbeit tun – unterstützt von meiner Frau und meiner Mutter.
Als ich im Oktober 1940 auf Urlaub kam, waren unsere schönen roten Kühe schon im neuen Stall und die Schweine im alten Kuhstall. Es war Beiden sichtlich anzusehen, dass sie glücklich waren, wenn nur der scheußliche Krieg nicht gewesen wäre.
Wir machten die letzten Arbeiten zu Hause und auf dem Felde, und Anna war schwanger; am 26. Oktober früh wollte unsere Anna nicht aufstehen, und draußen hatte es geschneit
Auf Anraten der alten Hebamme mussten wir die neue Hebamme holen, und unsere kleine Anni wurde geboren – noch recht zart und zerbrechlich. Als ich Anfang Januar 1941 für einige Tage auf Urlaub kam, war sie schon ein fester Brocken.
Ab Juni 1941 war der Krieg gegen Russland in vollem Gange, und wir näherten uns der russischen Hauptstadt Moskau und die Kälte fiel auf 50° Kälte – viel zu kalt, um Krieg zu führen.
Unsere Weihnachtspost fiel in russische Hände.
Mittlerweile hatte uns der russische Militärapparat eingekreist, und uns drohte der Untergang; wir hatten alle Angst, unsere Heimat nicht wiederzusehen.
Unser General versuchte den russischen Ring zu durchbrechen, doch es misslang; erst der zweite Versuch hatte Erfolg und bei diesem Erfolg kam ich aus dem Ring heraus, aber es grenzte an ein Wunder – bei 50° Kälte. Ganz schlimm war das Problem mit den Verwundeten, weil die Versorgung nicht mehr klappte.
Nach langer Zeit kam wieder ein Brieflein aus der Heimat, in dem Anna schilderte, wie es daheim ging und ein Bildchen von der kleinen Anni war dabei. Ich wusste ja, dass ich mich auf Anna und die Mutter verlassen konnte.
Im Juni 1943 konnte ich nach langer Zeit in den Urlaub fahren und konnte erleben, wie schön doch die Heimat ist und den Duft des frischen Heues einatmen – doch nicht lange und es ging wieder einer ungewissen Zeit entgegen.
Nach einigen Monaten schrieb mir Anna, dass sie schwanger sei. Aber es kam noch dicker: Wir mussten den anstürmenden Russen nachgeben und die Front zurücknehmen; wir bekamen sehr lange Zeit keine Post. Als endlich wieder Post kam, war auch ein Brief für mich dabei – aber nichts Erfreuliches. Es war ein Telegramm mit dem Wortlaut: „Komme sofort, Mutti im Krankenhaus. Der Chefarzt des Krankenhauses Politschka.“ Erst jetzt schaute ich auf das Datum – es war schon einige Wochen alt. Mein Kompaniechef meinte nur: „Du fährst trotzdem einige Tage heim!“
Als ich heim kam, war Anna schon aus dem Krankenhaus daheim, und die kleine Gertrud durfte bis zur richtigen Geburt im Mutterleib verbleiben. Die tschechischen Ärzte haben ernsthaft beraten, ob sie das Kind herausnehmen sollten, weil Anna eine eitrige Blinddarmentzündung hatte.
Ich durfte 1944 im Herbst auf einen Kurzurlaub fahren, bevor wir in den Westen verlegt wurden; ich kam am Sonntagfrüh zu Hause an, die Türen waren alle offen, und als ich in die Stube kam, saßen die zwei Mädchen im Bett, Anni hatte die kleine Gertrud auf dem Schoß; sie fing an zu weinen und ich fragte die Anni: „Kennst Du mich nicht?“ Sie sagte: „Du bist ja mein Vati!“
Anna war in der Kirche und Oma, meine Mutter, war Kühe hüten gegenüber auf dem Feld; dabei hatte sie unser Haus im Blickfeld.
Nach diesem Kurzurlaub ging es wieder zurück nach Dirschau 6)  bei Danzig, wo wir Neuaufstellung hatten, und ich hatte mich um zwei kleine Pferde beworben.
Über Nacht landeten wir im Westen bei Düren und Stollberg 7) und kamen gleich zum Einsatz. Ich musste mit meinem kleinen Gespann und den Wagen voller Panzerfäuste zur Kompanie an die Front fahren. Bei einem Zwischenaufenthalt kam ich unter Artilleriebeschuss einen Splitter in die linke Arschbacke und kam nach Walberberg 8) bei Köln ins Lazarett und nach drei Wochen wieder zu meiner Einheit.
Nach ein paar Tagen Küchendienst sollte ich per Fahrrad Feldpost zur Kompanie bringen, und noch unterwegs traf mich ein Splitter in die rechte Schulter. Ich kam zum Verbandsplatz und später nach Hamburg-Bergedorf 9), wo ich bis zum Frühjahr 1945 war.
Ich war wieder genesen und konnte meinen Arm behalten. So kam ich zu meiner Einheit nach Schwerin 10) und wurde vom Truppenarzt auf einige Tage Genesungsurlaub geschickt. Daheim angekommen verbrachte ich einige Tage bei meiner Anna, Mutter und den zwei Mädels. Am 19. März 1945 hatte die kleine Gertrud Geburtstag. Ich blieb auch noch daheim, dann ging’s aber schnellstens zurück nach Schwerin. Von da aus ging es auf Schusters Rappen auf die Inseln Usedom-Wollin 11) und Stettin-Hafen 12).
Wir sollten nach Danzig verschifft werden; dazu kam es aber nicht mehr, da die Schiffe für die Flüchtlinge gebraucht und zur Selbstverteidigung eingesetzt wurden und die Russen vor der Haustüre standen.
Bei dieser Gelegenheit bekam ich meine dritte Verwundung, nämlich in die rechte Arschbacke. Bei dieser Gelegenheit kam ich mit einem Schiff nach Dänemark, später nach Schleswig-Holstein, wo wir in das Dorf Bistensee 13) entlassen wurden. Wir mussten für die Stadt Kiel Bäume fällen und ernährten uns von Rüben, die wir von den Bauern aus den Mieten vom Feld mitnahmen.
Eines schönen Tages kam eine junge Frau aus der Nachbarschaft und fragte uns, ob wir nach Hause schreiben wollten, sie nähme die Post mit. Wir waren 28 Sudetendeutsche und bei einem Pfarrer untergebracht. Und alle sagten: „Wie soll die Post von Schleswig-Holstein in die Tschechei kommen?“ Nur ich nicht! Ich  setzte mich hin und schrieb einige Zeilen und gab sie der Frau mit.
Nach längerer Zeit fragte unser Pfarrer: „Heißt von Euch jemand Kruschina?“ Ich sagte: „Ja, ich!“ Er gab mir das Schreiben. Es war von der Schwägerin Lina Findeis in Scharzenbruck 14). Nun wusste ich, wohin ich fahren musste. Mein Kollege Hawelka aus Porstendorf 15) bei Mährisch Trübau 16) und ich fuhren zum Landratsamt und wollten uns erkundigen, ob wir fahren durften. „Leider nein!“ war die Antwort, und so nebenbei sagt die Frau im Amt: „Bei Kassel geht es über die Grenze!“ Und so fuhren wir los nach Kassel bei stockfinsterer Nacht.
Mein Kollege stieg vor Erlangen 17) aus, und ich fuhr nach Schwarzenbruck zu meinen Schwiegereltern und zur Schwägerin Lina.
Nach einigen Tagen kam ein Brief von meiner Frau Anna aus Mehlmeisel 18) im Fichtelgebirge. Ich fuhr also mit dem Zug nach Neusorg 19) und von da aus auf Schusters Rappen nach Mehlmeisel. Und als ich die Straße entlang ging, kam mir meine Frau Anna mit der kleinen Gertrud entgegen. Sie waren beim Essenholen. War das ein Erlebnis.
Da ich dort im Fichtelgebirge keine Arbeit für mich sah, fragte ich den Schwarzenbrucker Bürgermeister, ob ich meine Familie (Ehefrau Anna, zwei Kinder und meine Mutter) nach Schwarzenbruck mitbringen könnte. Da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und fragte, was ich für einen Beruf hätte. Da hellte sich sein Gesicht auf und er antwortete: „Ja, einen Maurer können wir schon brauchen, da es in Schwarzenbruck keinen gibt!“ Und er meinte noch, irgendwie müsste das schon gehen.
Ich holte also meine Familie nach Schwarzenbruck, und wir bekamen bei Frau Ruder 20)
ein kleines Zimmer mit zwölf Quadratmetern und schiefen Wänden. Für eine fünfköpfige Familie viel zu klein.
So begann also der Alltag, und ich bekam gleich Arbeit bei Firma Ulherr 21) neben dem Petzenschloss 22). Ich fühlte mich sehr schwach, und das Bücken machte Schwierigkeiten, denn in schwarzem Kaffee und trockenem Brot war keine Kraft drin.
1947 war ein sehr trockenes Jahr, und es fiel kein Regentropfen. Die Kartoffeln waren im Acker weich und beim Kochen wurden sie hart. In diesem Jahr haben wir über 20 Zentner Kartoffeln überall nachgeerntet und eingelagert, damit wir nicht verhungern mussten.
Anna war inzwischen schwanger, und die Leute tuschelten: „Die haben keine Wohnung und bekommen ein Kind!“ Am 10. Jänner (1948), einem Samstag, kam Hans auf die Welt, ein strammer Bursche. Was die Kartoffeln doch alles bewirken konnten?!
Meine Frau setzte alle Hebel in Bewegung, um mit dem Wenigen auszukommen. Und so war ich froh, als Frau Hoffmann 23) von der Drogerie uns das Angebot machte, beim Schulhof die Ruine auszubauen. Es standen nur noch die Außenmauern (Sandstein) ohne Dach; sie wollte das Material besorgen. Zu Weihnachten 1949 konnten wir einziehen: Oma bekam ihr Zimmer, die zwei Töchter ein kleines Zimmer, und der kleine Hans blieb bei uns im Elternschlafzimmer.
Schon 1952 kauften wir einen Bauplatz in der Graf-Roland-Straße 7 24) und planten, ein eigenes Häuschen zu bauen. Im Jahr 1954 konnten wir ins eigene Heim einziehen. Es war wohl noch viel zu machen, aber wir hatten eigenen Boden unter den Füßen.
Inzwischen sind wir beide 85 Jahre alt geworden, seit 54 Jahren in Bayern und 46 Jahre in unserem Einfamilienhaus. Kommende Woche am 1. Februar 2000 feiern wir unsere Diamantene Hochzeit: 60 Jahre, geprägt von Sorgen, Entbehrungen und Arbeit. Und wir danken unserem Herrgott, dass er uns so weit beschützt hat.
Herzlicher Dank gebührt unseren drei Kindern.

Anna und Johann Kruschina
Graf-Roland-Straße 7, 90592 Schwarzenbruck
früher Laubendorf Nr. 210 –  Dorfname Leisnschjüster

Aufgeschrieben im Januar 2000

Überarbeitet und ergänzt von Reinhard Kastner und Hans Prull
September 2011

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Johann Kruschina kam am 26. März 1914 in Laubendorf Nr. 210 zur Welt. Anna Kruschina, geborene Findeis, wurde am 5. Januar 1915 in Laubendorf Nr. 201 geboren.
Sie verstarben am 8. April 2009 bzw. am 1. Mai 2009 in Schwarzenbruck.
Laubendorf, das frühere Lewendorf, später tsch. Limberk,  liegt an der böhmisch-mährischen Grenze in der deutschen Sprachinsel Schönhengstgau (tsch. Hřebečsko). Im Jahr 1939 hatte Laubendorf 1.772 Einwohner, von denen annähernd 94 Prozent Deutsche waren. Heute heißt der Ort Pomezí mit 1.150 (2010)  tschechischen Einwohnern. Die Ortsmitte (Kirche St. Georg) liegt drei Kilometer südöstlich der Stadt Politschka (tsch. Polička) und gehört zum Bezirk Zwittau (tsch. Okres Svitavy). Politschka liegt 16 km westlich von Zwittau und hat 8.877 Einwohner (2010). Im Turm der St. Jakobs-Kirche wurde 1890 der Komponist Bohuslav Martinů geboren.

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Fußnoten:

1)   Deutsch Bielau (tsch. Bělá nad Svitavou deutsch auch Biela, Bielau, Deutsche Biela) ist ein Dorf mit 521 Einwohnern (2010). Es liegt etwa 10 km südlich von Zwittau nahe der  Gemeinde Brünnlitz (tsch. Brněnec). Brünnlitz wurde bekannt durch Oskar Schindler.

2)   „Schleser-Bauer“ = Findeis, Laubendorf, Haus-Nr. 9

3)   Es handelte um die deutsch-tschechische Staatsgrenze gegen Politschka, die ab 16. März 1939 zur Protektoratsgrenze wurde.

4)   Die Kirche in Laubendorf ist eine dem hl. Georg geweihte barocke Kirche, die im Jahr 1727 nach 107 Jahren wieder zur selbstständigen Pfarrei erhoben und 2005 unter anderem mit Spenden der früheren deutschen Einwohner renoviert wurde.
Sehenswert ist außerdem die steinerne Dreifaltigkeits-Kapelle aus dem Jahre 1766.
Vergleiche „Heimatbuch Laubendorf“, 2. Auflage, 1979, Seite 105.

5)   Zwittau (tsch. Svitavy), damals Kreisstadt, heute Bezirksstadt am Fluss Zwitta (tsch. Svitava) in der Region Pardubitz (Pardubice), mit 17.322 Einwohnern. Die mährische Industriestadt   Zwittau liegt etwa 15 km südöstlich von Leitomischl (tsch. Litomyšl).

6)    Der Kreis Dirschau (poln.Tczew) war ein von 1887 bis 1920 bestehender preußischer Landkreis im Regierungsbezirk Danzig in der Provinz Westpreußen.

7)    Düren ist mit etwa 93.000 Einwohnern eine große Mittelstadt am Nordrand der Eifel zwischen Aachen und Köln in Nordrhein-Westfalen.
Stolberg (Rheinland) ist ein Mittelzentrum und eine regionsangehörige Stadt in der nordrhein-westfälischen Städteregion Aachen. Stolberg mit dem Beinamen Kupferstadt und Älteste Messingstadt der Welt hat knapp 60.000 Einwohner.

8)    Walberberg ist ein Stadtteil von Bornheim im Rhein-Sieg-Kreis, liegt zwischen Köln und Bonn, mit jeweils rund 13 km Luftlinie Entfernung zu diesen Zentren.

9)     Bergedorf ist ein Hamburger Stadtteil des gleichnamigen Bezirks Bergedorf. Er bildet das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Bezirks.

10)   Schwerin (niederdeutsch Swerin) ist die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Die kreisfreie Stadt ist nach Rostock zweitgrößte Stadt und eines der vier Oberzentren des Bundeslandes. Laut Hauptsatzung der Stadt führt sie die Bezeichnung „Landeshauptstadt“ vor dem Stadtnamen. Mit etwas weniger als 100.000 Einwohnern ist sie die kleinste deutsche Landeshauptstadt.

11)   Usedom-Wollin (poln. Uznam-Wolin) ist ein ehemaliger Landkreis in Pommern, der die beiden Inseln Usedom und Wollin umfasste, und bestand als preußisch-deutscher Landkreis in der Zeit zwischen 1818 und 1945.

12)  Stettin (poln. Szczecin) ist eine Stadt in der Wojewodschaft Westpommern und liegt
rund 120 km nordöstlich von Berlin an der Odermündung zum Stettiner Haff. Stettin hat heute etwas mehr als 410.000 Einwohner.

13)  Ahlefeld-Bistensee ist die jüngste Gemeinde im Amt Hüttener Berge¸ sie hat derzeit knapp 500 Einwohner. Der Bistensee ist ein fischreicher See im Naturpark Hüttener Berge in Schleswig-Holstein.

14)   Schwarzenbruck bei Nürnberg wurde zur neuen Heimat einer Vielzahl Vertriebener, vor allem aus den Gemeinden im Südwesten des Schönhengstgaues. Mehr als 400 Menschen aus Schönbrunn, Laubendorf, Dittersbach und Riegersdorf siedelten sich mit ihren Familien hier und in der Umgebung (Altdorf, Feucht) an.

15)   Porstendorf (tsch. Boršov) liegt etwa drei Kilometer südwestlich von Mährisch Trübau an der Ostseite des Schönhengstes. Porstendorf hatte 1939 knapp 1.600 Einwohner; heute ist Boršov ein Stadtteil von Mährisch Trübau.

16)   Mährisch Trübau (tsch. Moravská Třebová) ist eine Stadt im heutigen Bezirk Zwittau in der Region Pardubitz mit 11.254 Einwohnern. Mährisch Trübau liegt an der Mährischen Triebe (tsch. Třibůvka) der Landschaft des Schönhengstgaues, der ehemals größten deutschen Sprachinsel in Böhmen und Mähren. Vom übrigen deutschen Sprachgebiet des Sudetenlandes war die Sprachinsel teilweise nur um wenige Kilometer getrennt. Bis zur Vertreibung 1945/46 war die Stadt überwiegend von Deutschen bewohnt. Zwischen 1850 und 1960 war Mährisch Trübau Bezirksstadt, von 1938 bis 1945 Kreisstadt.

17)   Erlangen kreisfreie Stadt im bayerischen Regierungsbezirk Mittelfranken. Die Einwohnerzahl der Stadt überschritt 1974 die Grenze von 100.000, wodurch Erlangen zur Großstadt wurde. Heute wird die Stadt vor allem durch die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und zahlreiche Niederlassungen des Elektrokonzerns Siemens AG geprägt.

18)   Mehlmeisel ist eine Gemeinde im Landkreis Bayreuth (Regierungsbezirk Oberfranken) mit etwas weniger als 1.400 Einwohnern.

19)   Neusorg ist eine Gemeinde mit knapp 2.000 Einwohnern im Oberpfälzer Landkreis Tirschenreuth und Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Neusorg
.
20)   Frau Ruder, deren Mann im Krieg gefallen war, wohnte mit ihren beiden Söhnen Ernst und Erwin in der Lachäckerstraße in Schwarzenbruck.

21)   Firma Ulherr, damals ein Schmiedegeschäft, hatte sich nach der Übernahme durch den Schwiegersohn Konrad Sichermann auf Installationsarbeiten verlegt.

22)   Das Geschäft befand sich am Platz vor dem Schloss der Familie von Petz in Schwarzenbruck. Die Petz von Lichtenhof sind eine der gerichtsfähigen Familien, die den so genannten Zweiten Stand der Freien Reichsstadt Nürnberg stellten – erstmals urkundlich erwähnt im Jahr 1450. Erst ab 1730 gerichtsfähig, schafften sie es nicht mehr, in das Patriziat kooptiert (aufgenommen) zu werden. Dr. Wilhelm von Petz ist Gründer des Petzhauses (Seniorenheim) in der Hauptstraße in Schwarzenbruck.

23)   Frau Babette Hofmann führte mit ihrem Mann in der Schulstraße 1 (heute Johann-Degelmann-Straße) zunächst einen Kolonialwarengeschäft, später eine Drogerie (jetzt Waldmann).

24)   Der Name der Graf-Roland-Straße, an der das Haus der Familie Kruschina erbaut wurde, ist nach Roland Graf von Faber-Castell (1905-1978) benannt.
∞ I. 1928 (geschieden 1935) Alix-May von Frankenberg und Ludwigsdorf (1907-1979),
∞ II. 1938 (geschieden 1969) Katharina Sprecher von Bernegg (1917-1994; Tochter von Andreas Sprecher von Bernegg),
∞ III. 1969 Ursula Boden (1924-2003);
Roland übernahm 1928 die Leitung der Bleistiftfabrik Faber-Castell in Stein bei Nürnberg. 1978 tritt Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell an die Unternehmensspitze.


Schwarzenbruck, im September 2011/RK
 

 


 

 

 

 

 

 

 

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